06.05.2022
Re:member. Interkulturelle Tanzperformance zwischen China und Europa

06.05.2022
Re:member. Interkulturelle Tanzperformance zwischen China und Europa

Am 06. Mai 2022 fand im Glashaus der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft die Performance „Re:member“ als Kooperation zwischen dem Konfuzius-Institut Bonn und dem Fachgebiet PerformART der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn statt.

Mitwirkende:

Elektronische Musik: Dong ZHOU
Tanz und Choreografie: Jess Chiayi SEETOO
Chinesische Erhu: Tzu-Ning LIAO
Violine: Dong ZHOU
Film: Hao Yan/Songhao Wu
Konzeption: Dong ZHOU, Jess Chiayi SEETOO

Einführung: Dr. Hannes Jedeck

„Re:member“

In der Performance re:member ging es um Asien und Europa, um Zugehörigkeit und kulturelle Identität. Ausgangspunkt war die Corona-Pandemie im letzten Jahr, die es unmöglich machte, über weite Strecken zu reisen oder – im Lockdown – gar das eigene Haus zu verlassen.

Dies erfuhren die chinesische Multimediakomponistin Dong ZHOU und die ursprünglich taiwanische, aber in Shanghai lebende Tänzerin Jess Chiayi SEETOO am eigenen Leib. Projekte mit China wurden aufgeschoben oder gecancelt. So entstand die Überlegung, die räumliche Distanz zwischen Deutschland und China in einem gemeinsamen Projekt virtuell zu überbrücken.

Zu zweit machten sich Dong ZHOU und Jess Chiayi SEETOO auf die Suche nach alternativen Formen der Erzählung und der Kollaboration. Material dafür fanden sie in ihrer eigenen biographischen Vergangenheit, aber auch in den größeren Kontexten ihrer Herkunft und ihrer familiären Identität. Bereits seit 2015 arbeiteten beide Künstlerinnen zusammen. Doch erst vor Kurzem wurde ihnen bewusst, dass ihre Familiengeschichten zahlreiche Parallelen aufweisen. Diese bilden die Grundlage für die Ausarbeitung ihrer Performance: „Re:member“ (2021).

Es war also ein Wieder-Erinnern an Ereignisse, Orte und Gegebenheiten, die ihre Familienbiografien prägten. SEETOO und Dong ZHOU stammen beide aus chinesischen Familien, für die Musik eine hervorgehobene Rolle gespielt hat. Sich mit der eigenen Herkunft zu beschäftigen, bedeutete für die beiden Künstlerinnen auch, (wieder) ein Mitglied („member“) einer heute imaginierten Gemeinschaft der Vergangenheit zu werden.

Die Tänzerin und Choreografin SEETOO wuchs in Taiwan auf. Ihre eigene Familiengeschichte, die eine besondere Faszination auf sie ausübte, erschloss sich ihr allerdings erst nach und nach in Gesprächen und im Austausch mit ihren Verwandten. So erfuhr sie, dass einige ihrer Großonkel und -tanten in Shanghai in den 1940er Jahren mit jüdischen Geflüchteten in Kontakt gekommen waren. Von ihnen lernten sie westliche Instrumente und erweiterten so ihren musikalisch-kulturellen Horizont. Shanghai diente damals als Auffangbecken für geflüchtete Juden, die den direkten Einwirkungen des Zweiten Weltkriegs zu entkommen suchten. Nach 1938 befanden sich unter den schätzungsweise 18.000 Migranten aus Deutschland und Österreich mehr als 450 Musiker. Für sie stellte das Unterrichten klassischer Musik im Exil eine wichtige Einnahmequelle dar. Auch andere von SEETOOs Verwandten waren Musiker – ihre siebte Großtante sogar stimmführende Cellistin im Chinesischen Nationalorchester und eine der Meisterschülerinnen des berühmten russischen Cellisten Rostropovich. Bei einem Besuch erzählte die Großtante SEETOO von einem Schüler, der vom vielen Üben und von der daraus resultierenden Erschöpfung häufig heftig weinen musste. Der Korpus seines Cellos soll voller Tränen gewesen sein. Dieses Bild des Tränen-befleckten Cellos prägte sich SEETOO ins Gedächtnis ein und wurde für sie zu einem Symbol der künstlerischen Arbeit, der Härte des Künstlerdaseins, aber auch des Durchhaltens. Das Cello spielt dann auch in Re:member gleich am Anfang eine wichtige Rolle. Der Tod ihrer Großtante im Mai 2021 markierte das Ende der Großelterngeneration ihres Familienstammbaums.

Dong ZHOU hingegen erinnert sich vor allem an die familiäre Tradition der Seiden- und Bambusmusik (Jiangnan Sizhu 江南丝 竹). Ihr Vater hatte als Kind die chinesischen Saiteninstrumente Pipa 琵琶 und Erhu 二胡 gelernt, stieg später aber um auf die westliche Viola und wurde ein professioneller Bratschist. Im Ruhestand widmete er sich dann wie Dong ZHOUs Großvater der Seiden- und Bambusmusik in Shanghai. Die meist in Teehäusern aufgeführte Form chinesischer Musik ist ein Relikt aus der frühen Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein charakteristisches Merkmal sind ihre vielen Wiederholungen und die reichen Klangfarben. Obwohl jedes Ensemblemitglied traditionell die gleiche Melodie spielt, herrscht ein hoher Grad an individueller Freiheit vor. Dies betrifft Improvisationen ebenso wie die Möglichkeit, kleine Verzierungen in die sich wiederholenden Melodielinien einzubringen. Durch diese Musizierweise entsteht im Zusammenspiel ein farbenreicher, heterophoner Klang.

Diese musikalische Welt von Dong ZHOU spielt im Hintergrund von „Re:member“ immer wieder eine Rolle, auch wenn die elektronische Musik dystopischer, düsterer und verzerrt auftritt. Gleich in der ersten Szene sehen wir ein Cello in einem heruntergekommenen Raum mit kargen Wänden, abgebröckeltem Beton und blassem Licht. Das Cello wird nicht gespielt. Es dient als musikalische Projektionsfläche für eine imaginierte Vergangenheit. Mit ihren Hand- und Armenbewegungen ahmt SEETOO das Cellospiel der verstorbenen Großtante performativ nach. Später windet sie sich auf dem Boden einer christlichen Kirche in Shanghai. Symbole der europäischen Kultur in China blitzen auf.

Hinzu treten die geloopten Klänge der westlichen Violine sowie choralartige, melancholische Gesangspassagen Dong ZHOUs. Und auch die Sprache spielt eine wichtige Rolle. Übereinander und durcheinander irren die Stimmen der Komponistin Dong ZHOU auf Chinesisch und auf Englisch. Als Textgrundlage dienen die Geschichten des Lebens China und jene der eigenen Familie. Dazu teils ganz „reale“ Filmaufnahmen aus Shanghai, aus der unmittelbaren Vergangenheit aus dem Jahr 2021. Musiker sitzen in einem Teehaus und spielen Seiden- und Bambusmusik, als würden sie Karten spielen. Chinas Hypermodernisierung, die fortschreitende Urbanisierung mit ihren ewig fließenden Autoströmen als Symbol werden aufgegriffen und thematisiert.

Gleichzeitig trafen im Moment der Aufführung die Erinnerungen der Künstlerinnen an ihre eigene (familiäre) Vergangenheit und das frühere Leben in Shanghai aufeinander. Durch die technische Zusammenführung der verschiedenen zeitlichen und räumlichen Ebenen in ihrer Performance „Re:member“ ließen SEETOO und ZHOU eine jener Verbindungen erlebbar werden, die der Soziologe Arjun Appadurai als „virtuelle Nachbarschaften“ („virtual neighborhoods“) bezeichnet. So bietet das Stück mit den immer wieder live vorgetragenen Improvisationen der westlichen Violine, ihrem chinesischen Pendant, der Kniegeige Erhu, dem Gesang Dong ZHOUs, der sprachlichen Überlagerungen und den realen Bildern aus Asien vor allem, wie am Anfang gesagt, eine Form des Nachdenkens über die Parameter Zeit und Raum – virtuell, physisch und dazwischen.

Fotos @Shayan Afshari Azad