05.05.2026
Xiehouyu 歇后语 – Die chinesische Volksredewendung als Träger eines historischen Gedächtnisses

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05.05.2026
Xiehouyu 歇后语 – Die chinesische Volksredewendung als Träger eines historischen Gedächtnisses

Am 5. Mai begrüßte das Konfuzius-Institut Bonn den Sprachwissenschaftler Sun Cehaji (孙策哈吉) zu einem spannenden Vortrag über die chinesischen Xiehouyu (歇后语). Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) statt und bot den zahlreichen Gästen einen faszinierenden Einblick in eine besondere Form der chinesischen Sprach- und Erinnerungskultur.

Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Frage, weshalb Xiehouyu weit mehr sind als bloße Worträtsel oder Redewendungen. Anhand zahlreicher Beispiele zeigte Sun Cehaji, dass sie als sprachliche Zeugnisse historische Ereignisse, lokale Traditionen und längst vergangene Alltagspraktiken bewahren. Gerade in einer Zeit, in der sich die chinesische Gesellschaft rasant wandelt und frühere Ortsnamen, Bräuche oder Berufe zunehmend in Vergessenheit geraten, ermöglichen Xiehouyu einen einzigartigen Zugang zum kulturellen Gedächtnis Chinas.

Besondere Aufmerksamkeit widmete der Referent dem berühmten Missverständnis zwischen Mao Zedong und dem amerikanischen Journalisten Edgar Snow. Als Mao die Wendung „Ein Mönch mit einem Regenschirm“ verwendete, blieb deren eigentliche Bedeutung ohne das kulturelle Hintergrundwissen unverständlich. Dieses Beispiel verdeutlichte eindrucksvoll, welche Herausforderungen die Übersetzung von Xiehouyu mit sich bringt und wie eng Sprache, Geschichte und Kultur miteinander verwoben sind.

Auch scheinbar rätselhafte Ausdrücke wie „Beim Verkauf von Süßigkeiten den Gong schlagen“ wurden im historischen Kontext erläutert. Erst durch die Rekonstruktion früherer städtischer Lebenswelten erschließt sich, warum solche Wendungen entstanden sind und welche Informationen über vergangene Alltagspraktiken sie bis heute bewahren.

Im anschließenden Austausch entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über die Übersetzbarkeit kulturgebundener Redewendungen und die Rolle von Sprache als Träger kollektiver Erinnerung. Die Teilnehmenden nutzten die Gelegenheit, eigene Fragen einzubringen und mit dem Referenten über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen chinesischen und deutschen Redensarten ins Gespräch zu kommen.

Das Konfuzius-Institut Bonn bedankt sich herzlich bei Sun Cehaji für den kenntnisreichen und anregenden Vortrag sowie bei der Gesellschaft für deutsche Sprache für die erfolgreiche Zusammenarbeit. Die Veranstaltung machte eindrucksvoll deutlich, dass Xiehouyu nicht nur sprachliche Besonderheiten darstellen, sondern zugleich ein lebendiges Archiv der chinesischen Kultur- und Sozialgeschichte sind.