01 Juni 01.06.2026
„Kafka-Fieber“ in Taiwan – Franz Kafka zwischen Literatur, Popkultur und Identitätsdiskursen
Am 1. Juni hielt Dr. Hung-Yu Dominik Wu einen Vortrag im Rahmen des Bonner Sinologischen Kolloquiums. Dieser fand in Kooperation mit der Abteilung für Sinologie der Universität Bonn statt und widmete sich der außergewöhnlichen Rezeption des deutschsprachigen Schriftstellers Franz Kafka in Taiwan.
Ausgehend von der überraschenden Beobachtung, dass in Taiwan Cafés, Friseursalons, Motorradhelmgeschäfte und zahlreiche kulturelle Produkte den Namen „Kafka“ tragen, zeichnete Dr. Wu die vielfältige Wirkungsgeschichte des Autors auf der Insel nach. Dabei wurde deutlich, dass Kafkas Einfluss weit über den literarischen Bereich hinausreicht und bis heute zahlreiche Facetten der taiwanischen Kultur prägt.
Der Referent erläuterte, wie Kafkas Werke seit den 1960er Jahren in Taiwan übersetzt, kommentiert und immer wieder neu interpretiert wurden. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich Kafka zu einem der bekanntesten und einflussreichsten deutschsprachigen Autoren des Landes. Seine Texte inspirierten Generationen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Künstlerinnen und Künstlern sowie Intellektuellen und fanden Eingang in Literatur, Theater, Film, Musik und bildende Kunst.
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag auf den gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten, in denen Kafka in Taiwan rezipiert wird. Dr. Wu zeigte auf, wie die Auseinandersetzung mit Kafkas Werk immer wieder mit Fragen nach Identität, Geschichte und gesellschaftlichem Wandel verknüpft wurde. Gerade diese fortwährenden Neuinterpretationen haben zu einem besonderen „Kafka-Fieber“ geführt, das eng mit der modernen Geschichte Taiwans verbunden ist und bis heute nachwirkt.
Im anschließenden Gespräch nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit, mit dem Referenten über die internationale Rezeption deutschsprachiger Literatur, kulturelle Übersetzungsprozesse und die besondere Stellung Kafkas in Ostasien zu diskutieren. Die lebhafte Diskussion machte deutlich, wie produktiv literarische Werke über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg neue Bedeutungen entfalten können.
Das Konfuzius-Institut Bonn bedankt sich herzlich bei Dr. Hung-Yu Dominik Wu für den facettenreichen Vortrag sowie bei der Abteilung für Sinologie der Universität Bonn für die gelungene Zusammenarbeit im Rahmen des Bonner Sinologischen Kolloquiums.
